70 Jahre Unimog-Idee – Juli 1945

70 Jahre Unimog_Idee

Im Mai starteten wir die Serie „70 Jahre UNIMOG-Idee“ – nachzulesen hier in der Unimog-Community.

Der frühere Leiter der Flugmotorenentwicklung von Daimler-Benz, Albert Friedrich, hatte dem Vorstandsvorsitzenden Dr. Wilhelm Haspel seine Ideen zum Bau eines außergewöhnlichen Motorgeräts für die Landwirtschaft vorgestellt und von diesem den Auftrag erhalten, frühere Mitarbeiter der Flugmotoren- und Automobilentwicklung für dieses Vorhaben zu rekrutieren. Da das Daimler-Werk in Untertürkheim zerbombt war, wurden seit Juni 1945 Räume in der Schokoladenfabrik ESZET genutzt.

Zu den ersten Mitarbeitern zählten laut Aufzeichnung des Konstrukteurs Walter Benseler neben ihm und Albert Friedrich noch die Herren Birk, Dr. Rothe, Sturm und zeitweise Dr. Kollmann (später Professor an der Uni Karlsruhe).

Da Neuland beschritten wurde, waren Marktanalysen und Literaturstudien angesagt. Ein interessantes Vergleichsobjekt war der Jeep, wie eine Skizze von Walter Benseler aus dieser Zeit belegt.


Im Juli 1945 stand "Konkurrenzbeobachtung" - wie hier der Jeep - auf dem Programm der kleinen Entwicklungsgruppe für den späteren Unimog - Archiv Daimler AG


Im Juli 1945 stand „Konkurrenzbeobachtung“ – wie hier der Jeep – auf dem Programm der kleinen Entwicklungsgruppe für den späteren Unimog – Archiv Daimler AG


Ein interessantes Zeitdokument vermittelt Eindrücke vom Daimler-Werk nach Kriegsende

„Aufbauwille waltet zwischen Trümmern“

 

Dr. Hermann Erhard (1883–1968), der von 1922 bis 1957 in Schwäbisch Gmünd die Metallwarenfabrik Erhard & Söhne leitete, besuchte Anfang Juli 1945, also zwei Monate nach Kriegsende, in Stuttgart das Werk Untertürkheim der Daimler-Benz AG sowie den Kühlerhersteller Behr. Dieser Besuch sollte Klarheit über die Begleichung noch bestehender Forderungen aus Lieferungen gegen Kriegsende schaffen. Erhard & Söhne, die bis gegen Ende der 1930er Jahre noch primär sogenannte Galanterieartikel für den Schmuck von Wohnungen herstellten, waren im Zweiten Weltkrieg zum Zulieferwerk für die Automobil- und Flugzeugindustrie geworden.

Seine Eindrücke, die Dr. Hermann Erhard bei seinem Besuchen der beiden Werke gewann, hielt er am 11. Juli 1945 in einer Aktennotiz fest. Sie ist heute ein wertvolles Zeitdokument, denn der junge Unternehmer schildert sehr anschaulich den katastrophalen Zustand des Untertürkheimer Werkes. Dabei wird auch eine Bewunderung für den erkennbaren Aufbauwillen der Belegschaft deutlich. Eher ungewöhnlich sind manche teilweise sehr ins Detail gehende Beschreibungen und die dabei gewählte Ausdrucksweise. Auch dies ermöglicht eine spannende Zeitreise siebzig Jahre zurück. Hier der ungekürzte Text:

Ein trotstloses Bild des Werkes Untertürkheim der Daimler AG im Jahr 1945 - Archiv Daimler AG

Ein trostloses Bild des Mercedes-Benz Werkes Untertürkheim der Daimler AG im Jahr 1945 – Archiv Daimler AG

„Der äussere Eindruck bei Daimler erschütternd; von der unübersehbaren Anzahl der grossen Gebäude keines ohne schwere Schäden, manche teilweise völlig zerstört. Aus Steingeröll und einem Gewirr von Eisengestänge bestehende Trümmer, Brandmauern mit leeren Fensterhöhlen; zwischen den Bauten ist das Geröll schon weggeschafft, da und dort wird eine erhaltene Fassade schon geflickt und geglättet. Auch die weit auseinanderliegenden Bauten, in denen einzelne Räume so erhalten sind, dass in ihnen kleinere oder größere Gruppen von Büros untergebracht werden können, weisen ohne Ausnahme schwere Schäden auf, sodass etwa nur ein Teil des Daches vorhanden ist oder ein Korridor, der Büros verbindet, plötzlich in einen gähnenden Abgrund mündet.

Die dürftige Ausstattung der provisorischen Büros sichtbar nur improvisier; im wesentlichen besteht die Ausstattung aus Brettertischen, Stühlen, ab und zu aus einem Brettergestell für ein paar Leitz-Ordner.

Von Herrn Direktor Otto Köhler wurde ich zu einem leitenden Kaufmann geführt, dessen Name ich nicht weiss. Dieser verwies mich an Herrn Direktor Rupprecht und an Herrn Prokurist Ritter, der neuerdings den Einkauf leitet. Durch Herrn Direktor Rupprecht erhielt ich Verbindung mit dem Leiter der Buchhaltung Herrn Frank. Bei der Handelskammer, die zur Zeit Gerokstrasse 4 untergebracht ist, traf ich zufällig den Generaldirektor Herrn Dr. ing. W. Haspel.

Da Daimler zur Zeit nicht einmal über ein gebrauchsfähiges Haustelefon verfügt, das die sehr weit auseinanderliegenden Einzelbüros verbindet, habe ich auf diese Weise an vier völlig voneinander unabhängigen Stellen Eindrücke empfange. Ich habe den sehr günstigen Eindruck gewonnen, dass die uns sehr intensiv berührende Fragen im Hause Daimler als ebenso elementar empfangen werden, dass sie von der Spitze her genau durchdacht sind und dass die einzelnen Abteilungen von diesem einheitlichen Willen genau Anweisung haben, wie zu handeln ist. Es wäre deshalb natürlich eine unrichtige Meinung, wenn man der Auffassung wäre, man könne irgend eine einzelne Abteilung durch besonders energisches Auftreten oder durch Drohung mit einer gerichtlichen Klage oder durch besondere Gewandtheit zu einem Schritt veranlassen, der ausserhalb der vorgeschriebenen Richtlinien liegt.

Unsere Lage Daimler gegenüber ist natürlich kein Einzelfall, sondern die typische Lage aller Unterlieferanten. Eine Verwechslung, die darin bestand, dass Direktor Rupprecht mich für einen Angestellten der Firma Erhard & Söhne hielt, hat mir gezeigt, dass wir durch besonderen Eifer in der Verfolgung unserer Interessen Herrn Rupprecht schon einigermassen auf die Nerven gegangen sind. Er rief mir nämlich entgegen, ob wir denn nun schon wieder den so oft schon vorgelegten Auszug brächten und ob wir wieder das Geld im Lastwagen mitnehmen und womöglich durch Zusammenfassung unserer Gesamtforderung für alle Daimler-Lizenzfirmen sie düpieren wollten. Durch diese letzte Bemerkung war ich genötigt, auf den groben Klotz einen groben Keil zu setzen, indem ich mir diese Unterstellung sehr energisch verbat, ihm sagte, dass ich zwar nur eine kleine Firma leite, diese kleine Firma aber keineswegs darauf verzichte, ihre gerechten Forderungen nachdrücklich geltend zu machen. Aus dieser Wendung sah Herr Rupprecht, dass ich der Firmeninhaber war, worauf er mit allen Zeichen der Verlegenheit einen liebenswürdigen und verbindlichen Ton anschlug. Ich war sehr froh, dass ich eine Aufstellung der bei uns lagernden Halbteile mitgebracht hatte, die nicht summarisch zusammengefasst war, sondern eine Untergliederung nach einzelnen Firmen aufwies. So konnte ich ihm zeigen, dass ich keineswegs die Absicht hatte, diese Aufteilung zu verschleiern und ihn dadurch über’s Ohr zu hauen.

Wie Herr Dr. Kupferschmid heute auch von Herrn Minister Mayer gehört hat, steht das Problem der Bereinigung der Rüstungsproduktion der letzten Monate, ihre Bezahlung vom Reich und die Weiterbezahlung von den Grossfirmen an die Unterlieferanden heute als Vorfrage der Industriebelebung in den führenden Kreisen zur Debatte.

Herr Direktor Haspel, dem ich kurz gesagt hatte, was mich zu seiner Firma geführt habe, meinte, es handle dich dabei durchschnittlich um eine Produktion von 6 bis 8 Wochen. Wenn der Gegenwert dafür für die Grossindustrie nicht flüssig gemacht werden kann, so entstünde ein schwerer Vertrauensschock über die Grossindustrie durch die mittlere Industrie bis hin zu deren teilweise kleinen Lieferanten. An diesem Probe-Exempel müsse es sich zeigen, dass auch die Amerikaner endlich etwas Initiative entwickeln. Er denkt an ein Art Reichsausgleichsstelle. Der Gedanke an die russische Zone errege einige Besorgnis, da die Russen schlechterdings alles, was an privatem und öffentlichem Eigentum in ihrer Zone sich findet, für russisches Staats-Eigentum erklärt haben.

Direktor Haspel befürchtet, dass vor Beendigung des Kampfes mit Japan Amerika und England in jeder Einwirkung auf Russland zurückhaltend sein werden. Ich habe den Eindruck, dass Direktor Haspel eine ganze Reihe von Möglichkeiten sieht, wie diese wichtige Frage gelöst werden kann.

Direktor Rupprecht dagegen, als kaufmännischer Leiter, äusserte sich darüber in der Art des Kaufmanns, dem daran liegt, seinen Kredit zu erhalten. Er betonte, obwohl das nicht gerade höflich klang, sie könnten natürlich sehr gut zahlen, aber sie wollten nicht bezahlen, was ihnen vor dem 1. Mai geliefert worden sei, um dadurch der Militärregierung klar zu machen, dass eine Stockung von Produktion und Zahlung bei den Grossbetrieben das Wirtschaftsleben des Landes in allen Teilen bedrohe.

Bei dem Leiter der Buchhaltung, Herrn Frank, einem urschwäbischen Mann von grosser Klarheit und Ruhe gewann ich den Eindruck, welche Geduld und welche systematische Umsicht dazu gehört, eine in ihren Unterlagen in Verwirrung geratene Buchhaltung wieder aufzubauen: Die Franzosen haben vieles verbrannt, was die Amerikaner in Verwirrung gebracht haben. Herr Frank ließ sich die uns betreffenden Unterlagen kommen, sodass ich mich davon überzeugen konnte, dass, wie uns Herr Direktor Friedrich bei seinem Besuch in Gmünd gesagt hatte, und wie auch Herrn Wüst in Süssen versprochen worden war, an der Klärung gearbeitet wird.

Herr Frank will uns den Abschluss der Nachprüfung unserer Lieferungen zuschicken, für den Fall, dass die Post in der nächsten Zeit noch nicht in Gang kommen sollte; schlug er vor, dass wir in 8 – 10 Tagen gelegentlich durch einen Radfahrer im Daimler-Büro in Süssen nachfragen, ob dort ein Schreiben für uns abgegeben wurde.

Da der Einkäufer, Herr Prokurist Ritter, bei einer Besprechung war, unterhielt ich mich mit einigen seiner einschlägigen Fachbearbeiter.

Prinzipiell teilten mir diese, als ich sagte, wir interessierten uns für die Bezahlung der bei uns lagernden, Daimler-Firmen gehörenden Fertigteile und Halbteile, sofort mit, dass alle Daimler-Firmen, um solche Bestände anerkennen und verrechnen zu können, verlangen, dass diese lagernden Teile aufgegliedert werden müssten als ganz fertig, halb fertig oder Rohstoff und dass jeder Gruppe beigeschrieben werden muss, für welche mit Nummern und Daten bezeichneten Aufträge sie bestimmt waren. Ebenso müssten noch nicht berechnete Werkzeuge nach Grad der Fertigstellung und im Hinblick auf bestimmte Aufträge kenntlich gemacht werden.

Diese genaue Aufgliederung muss also gemacht und bereitgehalten werden, damit sie zur Verfügung steht, sobald irgend eine Verbindungsmöglichkeit nach Genshagen, Marienfelde, Stettin, Braunschweig oder Kassel sich zeigt. Was Genshagen angeht, so habe Untertürkheim zwar schon einigemal versucht, briefliche Mitteilungen dorthin zu schicken, irgend eine Nachricht von dort sei aber noch nicht eingegangen, sodass man nicht wisse, ob es den nach Berlin reisenden gelungen sei, durchzukommen und die Post abzugeben.

Im Ganzen muss ich sagen, dass der unverdrossene und pflichteifrige Aufbauwille, der bei Daimler zwischen Trümmern waltet, einen ermutigenden Eindruck auf mich gemacht hat. Auch die Schulung, die gefällige Einstellung und die sachliche Klarheit der Angestellten rufen eine günstige Meinung wach.

Bei der Firma B e h r traf ich zufällig Herrn Veil und Herrn Behr. Beide machten einen etwas unsicheren Eindruck. In nicht gerade diplomatischer Weise liess Herr Veil mich merken, dass die Firma Behr die Luftfahrt-Finanzen aus ihren Gesamtfinanzen herausgelöst hat und abgesondert von sonstigen Guthaben verwalten will. Herr Veil sagte, das, was seine Firma vom Luftfahrtministerium unmittelbar noch zu erhalten habe, sei nicht wesentlich, dagegen hange viel für sie davon ab, ob sie von dem Guthaben bei der Bank der Deutschen Luftfahrt noch etwas erhalten könne. Herr Behr begnügte sich, kurz und etwas burschikos festzustellen, dass die ganze Stuttgarter Industrie im Dreck sitze, wenn diese Frage nicht gelöst werde. Offenbar hat er für seinen Betrieb noch keinerlei Zukunftsplan zur Verfügung, denn er meinte, er würde gerne einmal kommen, um in Gmünd über Zukunftsabsichten etwas zu hören.

Bei Behr ist es nicht anders als bei Daimler. Die Grossfirmen haben sich eine Art Moratorium für ihre Verpflichtungen aus Rüstungseinkäufen selbst zuerkannt, woran sie, solange die Gerichte ruhen, natürlich praktisch nicht verhindert werden können. Sie sind sich klar darüber, wie grundlegend das Aufleben einer normalen Rechtslebens die Lage ändern wird; das geht aus den Bemerkungen des Herrn Direktor Haspel hervor, schon zur Vermeidung eines Rattenkönigs kostspieliger und ärgerlicher Prozesse sei eine rasche Klärung nötig. Zur Rechtfertigung der Daimler’schen Einstellung zeigte mir Direktor Rupprecht den Brief eines Schuldners, der Daimler in aller Ruhe schreibt, er betrachte, wie die Dinge liegen, seine Verpflichtungen gegen Daimler als eine „ruhende Schuld“. Genau so verhält sich praktisch Behr, ohne freilich sein Verhalten klar zu präzisieren. Nachdem unser Briefwechsel mit Behr vor Kriegsende in sehr zugespitzten Tönen gehalten war, ist es immerhin gut, dass das Gespräch mit dieser Firma wieder aufgenommen wurde und dass sie weiss, dass wir unsere Forderungen mit Energie betreiben. Herr Veil hat mir versichert, es liege ihnen sehr viel daran, ihren Verpflichtungen bald nachzukommen.“

Soweit die Aktennotiz von Dr. Hermann Erhard.

Bei dem darin erwähnten „Direktor Friedrich“ handelt es sich um Albert Friedrich. Die Aktennotiz belegt, dass es vor Anfang Juli 1945 bereits einen Besuch von ihm bei Erhard & Söhne in Schwäbisch Gmünd gegeben hat.

Vorschau August 1945: Die allererste Skizze für den Unimog?

Michael Wessel

 

 

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