- 27.04.2004, 08:36
#6126
Schnäppchenjagd zwischen Haflinger und Pinzgauer
Die größte Auktion der Schweiz
Von Boris Schmidt (FAZ.NET)
23. April 2004 Einmal im Jahr servieren die Hotels im schweizerischen Thun schon ab 5 Uhr morgens Frühstück: Ende April, am vorletzten Mittwoch, wenn die Schweizer Armee von 7 Uhr an Fahrzeuge, Gerätschaften und sonstiges Material versteigern läßt. Im Laufe der Jahre hat sich die \"Fahrzeug- und Materialliquidation\" vom Geheimtip für Geländewagen-Fans zum Beinahe-Volksfest für die ganze Familie gemausert. Und das Publikum kommt beileibe nicht nur aus der Eidgenossenschaft.
Besucher aus Deutschland konnten in den vergangenen Jahren immer auf zahlreiche Jeeps oder Land Rover hoffen, die relativ günstig eingekauft werden konnten. In dieser Hinsicht gibt es nicht mehr viel zu holen, nur drei Jeeps standen zum Verkauf. Dafür kamen die Freunde der Alpenland-Kraxler Pinzgauer und Haflinger voll auf ihre Kosten. Um die kleinen Haflinger, die mehr an eine motorisierte Karre erinnern als an ein vollwertiges Auto, wurde sich regelrecht gerissen. Kein Haflinger verließ unter 8000 Franken die Halle. Gebaut wurde dieses Unikum von Daimler-Steyr-Puch in den Jahren 1958 bis 1976, der größere Pinzgauer lief von 1971 bis zum Jahr 2000 in Graz von den Bändern.
Pinzgauer gab es mehrere Dutzend (insgesamt waren fast 700 Fahrzeuge und fahrbare Gerätschaften im Angebot). Wie bei nahezu jedem Auto, das vorgefahren wurde, blieb kein Fahrzeug im Besitz des Staates, sondern ging in private Hand. Für einen 4x4-Pinzgauer waren in der Regel rund 7000 Franken zu zahlen, manchmal auch mehr, je nach Zustand und Aufbau (Kasten oder offen). Für die 6x6-Modelle wurden zum Teil mehr als 10000 Franken gezahlt. Den Vogel schoß ein mit elf Jahren relativ neuer UN-Pinzgauer ab. Der Krankenwagen mit Kofferaufbau erzielte 35500 Franken.
Diese Fahrzeuge waren in der Regel 25 bis 30 Jahre alt. Deutlich jünger und fast schon reguläre Gebrauchtwagen waren etliche zivile Behördenfahrzeuge, bei denen vor allem die Schweizer Bürger ein Schnäppchen machen konnten - ein deutscher Käufer müßte sich noch mit dem deutschen Fiskus auseinandersetzen.

Vorbildliche Organisation
Organisiert ist die Veranstaltung vorbildlich. Alle Fahrzeuge und Gerätschaften, die zur Versteigerung kommen, sind in einem Heft aufgeführt (kostet 5 Franken), Abweichungen davon gibt es nicht, auch kein separates Eintrittsgeld. Für den Transfer vom Parkplatz per Bus sind aber vier Franken zu zahlen. Es laufen zwei Versteigerungen gleichzeitig: eine in einer Halle, die zweite für Lastwagen und Gerät im Freien. In der Halle wurden 316 Autos vorgeführt, nahezu alle waren fahrbereit und kamen aus eigener Kraft auf die Bühne.
Ohnehin ist die Qualität der angebotenen Fahrzeuge dafür, daß sie vom Militär kommen, sehr gut. \"Schrott\" wird nicht angeboten. Fahrzeuge, die mit einem \"V\" gekennzeichnet sind, dürfen auf eigener Achse das Gelände verlassen (Überführungskennzeichen gibt es vor Ort, auch für die Fahrt nach Deutschland), \"F\"-Fahrzeuge sind fahrbereit, dürfen aber nur auf einem Hänger vom Gelände. Damit kein falscher Eindruck entsteht: Maximal zehn Prozent der angebotenen Fahrzeuge haben ein \"V\", dennoch ist auch die Qualität der \"F\"-Fahrzeuge recht gut. Das erklärt auch das hohe Preisniveau aus deutscher Sicht. Kenner, die seit 20 Jahren die Thuner Auktion besuchen, berichten von stetig steigenden Preisen, Profis kauften hier nicht, weil es einfach zu teuer zum Weiterverkaufen sei. Viele Männer erfüllten sich ihren Traum vom Abenteuer mit einem Pinzgauer. Man solle bis Weihnachten warten, dann seien viele ihres Spielzeugs überdrüssig und das Gemecker der Ehefrau leid, dann fänden sich die Pinzgauer auf dem privaten Markt wieder.
Doch es gab nicht nur Pinzgauer, der deutsche Militär-Geländewagen Unimog, der sozusagen das Gegenstück zum österreichischen Allradler ist, konnte zu Preisen zwischen 3000 und gut 5000 Franken gekauft werden. Standen aber im vergangenen Jahr noch rund 50 \"universale Motorgeräte\" zum Verkauf, war es dieses Jahr nur ein knappes Dutzend. Wer kauft, muß sofort in bar zahlen (plus 7,6 Prozent Steuern) und sollte das Fahrzeug binnen zwei Tagen vom Gelände schaffen.
Im Freien das große Gerät, und in Kilo gerechnet, können hier die wahren Schnäppchen gemacht werden: Ein Motorschlitten ging für 1800 Franken weg, ein Anhänger mit einer Flutlichtanlage wurde für 4300 Franken sicher für einen Sportverein ersteigert. Wer ein Notstromaggregat braucht (auf Anhänger), konnte für 2800 Franken fündig werden.
40 Condor-Motorräder
Motorräder gab es auch: Wieder wurden genau 40 schweizerische Condor (3000 wurden eigens fürs Militär von 1973 bis 1976 gebaut) mit 350-Kubik-Einzylinder-Motor verkauft. Alle sahen fit aus und gingen zu Preisen zwischen 1600 und 2200 Franken in neue Hände. Daß Thun längst zu einer Art Volksfest geworden ist, liegt natürlich nur zu einem Teil an den Fahrzeugen. Verkauft (nicht versteigert) wird in zwei separaten Hallen an diesem Tag nämlich auch jegliche Art anderes Material aus Staatsbesitz, seien es alte Büromöbel, neue Kampfstiefel, Schwimmwesten, Schlafsäcke, Klappspaten, Feldstecher, Zeichenbretter, Reifen, Trinkwasserbeutel, Benzinkanister und vieles mehr. Dazu gesellen sich einige Stände der Armee beziehungsweise der Luftwaffe, an denen Devotionalien verkauft werden, und wo viele Menschen zusammenkommen, dürfen Bratwurstbuden nicht fehlen. Und dieses Jahr wurde auch Musik gemacht. Wenn das Wetter auch noch mitspielt darf sich die Eidgenossenschaft über den hohen Umsatz freuen. Rund 2,5 Millionen Franken dürfte der Tag in den Staatssäckel gespült haben.
Hierzulande vermarktet die Vebeg
In Deutschland gibt es solche Versteigerungen nicht, alles Gerät wird schriftlich, sozusagen anonym weiterveräußert, Besichtigung ist möglich, aber nicht einfach zu bewerkstelligen. Die bundeseigene Vebeg (das Akronym \"Verwertungsgesellschaft für besatzungseigene Güter\" stammt noch aus dem Gründungsjahr 1951) ist hierfür zuständig (www.vebeg.de). Seit den fünfziger Jahren hat die Vebeg mehr als zwei Milliarden Euro für den Staatshaushalt hereingeholt (F.A.Z. vom 11. August 2001). In der Zentrale in Frankfurt hält man offenbar nichts von solchen öffentlichen Veranstaltungen, allerdings stellt das Zusammenführen der Fahrzeuge in der wesentlich größeren Bundesrepublik einen anderen Kostenfaktor dar als in der kleinen Schweiz. In Thun gibt es am 20. April 2005 wieder ab 5 Uhr Frühstück.
Die größte Auktion der Schweiz
Von Boris Schmidt (FAZ.NET)
23. April 2004 Einmal im Jahr servieren die Hotels im schweizerischen Thun schon ab 5 Uhr morgens Frühstück: Ende April, am vorletzten Mittwoch, wenn die Schweizer Armee von 7 Uhr an Fahrzeuge, Gerätschaften und sonstiges Material versteigern läßt. Im Laufe der Jahre hat sich die \"Fahrzeug- und Materialliquidation\" vom Geheimtip für Geländewagen-Fans zum Beinahe-Volksfest für die ganze Familie gemausert. Und das Publikum kommt beileibe nicht nur aus der Eidgenossenschaft.
Besucher aus Deutschland konnten in den vergangenen Jahren immer auf zahlreiche Jeeps oder Land Rover hoffen, die relativ günstig eingekauft werden konnten. In dieser Hinsicht gibt es nicht mehr viel zu holen, nur drei Jeeps standen zum Verkauf. Dafür kamen die Freunde der Alpenland-Kraxler Pinzgauer und Haflinger voll auf ihre Kosten. Um die kleinen Haflinger, die mehr an eine motorisierte Karre erinnern als an ein vollwertiges Auto, wurde sich regelrecht gerissen. Kein Haflinger verließ unter 8000 Franken die Halle. Gebaut wurde dieses Unikum von Daimler-Steyr-Puch in den Jahren 1958 bis 1976, der größere Pinzgauer lief von 1971 bis zum Jahr 2000 in Graz von den Bändern.
Pinzgauer gab es mehrere Dutzend (insgesamt waren fast 700 Fahrzeuge und fahrbare Gerätschaften im Angebot). Wie bei nahezu jedem Auto, das vorgefahren wurde, blieb kein Fahrzeug im Besitz des Staates, sondern ging in private Hand. Für einen 4x4-Pinzgauer waren in der Regel rund 7000 Franken zu zahlen, manchmal auch mehr, je nach Zustand und Aufbau (Kasten oder offen). Für die 6x6-Modelle wurden zum Teil mehr als 10000 Franken gezahlt. Den Vogel schoß ein mit elf Jahren relativ neuer UN-Pinzgauer ab. Der Krankenwagen mit Kofferaufbau erzielte 35500 Franken.
Diese Fahrzeuge waren in der Regel 25 bis 30 Jahre alt. Deutlich jünger und fast schon reguläre Gebrauchtwagen waren etliche zivile Behördenfahrzeuge, bei denen vor allem die Schweizer Bürger ein Schnäppchen machen konnten - ein deutscher Käufer müßte sich noch mit dem deutschen Fiskus auseinandersetzen.
Vorbildliche Organisation
Organisiert ist die Veranstaltung vorbildlich. Alle Fahrzeuge und Gerätschaften, die zur Versteigerung kommen, sind in einem Heft aufgeführt (kostet 5 Franken), Abweichungen davon gibt es nicht, auch kein separates Eintrittsgeld. Für den Transfer vom Parkplatz per Bus sind aber vier Franken zu zahlen. Es laufen zwei Versteigerungen gleichzeitig: eine in einer Halle, die zweite für Lastwagen und Gerät im Freien. In der Halle wurden 316 Autos vorgeführt, nahezu alle waren fahrbereit und kamen aus eigener Kraft auf die Bühne.
Ohnehin ist die Qualität der angebotenen Fahrzeuge dafür, daß sie vom Militär kommen, sehr gut. \"Schrott\" wird nicht angeboten. Fahrzeuge, die mit einem \"V\" gekennzeichnet sind, dürfen auf eigener Achse das Gelände verlassen (Überführungskennzeichen gibt es vor Ort, auch für die Fahrt nach Deutschland), \"F\"-Fahrzeuge sind fahrbereit, dürfen aber nur auf einem Hänger vom Gelände. Damit kein falscher Eindruck entsteht: Maximal zehn Prozent der angebotenen Fahrzeuge haben ein \"V\", dennoch ist auch die Qualität der \"F\"-Fahrzeuge recht gut. Das erklärt auch das hohe Preisniveau aus deutscher Sicht. Kenner, die seit 20 Jahren die Thuner Auktion besuchen, berichten von stetig steigenden Preisen, Profis kauften hier nicht, weil es einfach zu teuer zum Weiterverkaufen sei. Viele Männer erfüllten sich ihren Traum vom Abenteuer mit einem Pinzgauer. Man solle bis Weihnachten warten, dann seien viele ihres Spielzeugs überdrüssig und das Gemecker der Ehefrau leid, dann fänden sich die Pinzgauer auf dem privaten Markt wieder.
Doch es gab nicht nur Pinzgauer, der deutsche Militär-Geländewagen Unimog, der sozusagen das Gegenstück zum österreichischen Allradler ist, konnte zu Preisen zwischen 3000 und gut 5000 Franken gekauft werden. Standen aber im vergangenen Jahr noch rund 50 \"universale Motorgeräte\" zum Verkauf, war es dieses Jahr nur ein knappes Dutzend. Wer kauft, muß sofort in bar zahlen (plus 7,6 Prozent Steuern) und sollte das Fahrzeug binnen zwei Tagen vom Gelände schaffen.
Im Freien das große Gerät, und in Kilo gerechnet, können hier die wahren Schnäppchen gemacht werden: Ein Motorschlitten ging für 1800 Franken weg, ein Anhänger mit einer Flutlichtanlage wurde für 4300 Franken sicher für einen Sportverein ersteigert. Wer ein Notstromaggregat braucht (auf Anhänger), konnte für 2800 Franken fündig werden.
40 Condor-Motorräder
Motorräder gab es auch: Wieder wurden genau 40 schweizerische Condor (3000 wurden eigens fürs Militär von 1973 bis 1976 gebaut) mit 350-Kubik-Einzylinder-Motor verkauft. Alle sahen fit aus und gingen zu Preisen zwischen 1600 und 2200 Franken in neue Hände. Daß Thun längst zu einer Art Volksfest geworden ist, liegt natürlich nur zu einem Teil an den Fahrzeugen. Verkauft (nicht versteigert) wird in zwei separaten Hallen an diesem Tag nämlich auch jegliche Art anderes Material aus Staatsbesitz, seien es alte Büromöbel, neue Kampfstiefel, Schwimmwesten, Schlafsäcke, Klappspaten, Feldstecher, Zeichenbretter, Reifen, Trinkwasserbeutel, Benzinkanister und vieles mehr. Dazu gesellen sich einige Stände der Armee beziehungsweise der Luftwaffe, an denen Devotionalien verkauft werden, und wo viele Menschen zusammenkommen, dürfen Bratwurstbuden nicht fehlen. Und dieses Jahr wurde auch Musik gemacht. Wenn das Wetter auch noch mitspielt darf sich die Eidgenossenschaft über den hohen Umsatz freuen. Rund 2,5 Millionen Franken dürfte der Tag in den Staatssäckel gespült haben.
Hierzulande vermarktet die Vebeg
In Deutschland gibt es solche Versteigerungen nicht, alles Gerät wird schriftlich, sozusagen anonym weiterveräußert, Besichtigung ist möglich, aber nicht einfach zu bewerkstelligen. Die bundeseigene Vebeg (das Akronym \"Verwertungsgesellschaft für besatzungseigene Güter\" stammt noch aus dem Gründungsjahr 1951) ist hierfür zuständig (www.vebeg.de). Seit den fünfziger Jahren hat die Vebeg mehr als zwei Milliarden Euro für den Staatshaushalt hereingeholt (F.A.Z. vom 11. August 2001). In der Zentrale in Frankfurt hält man offenbar nichts von solchen öffentlichen Veranstaltungen, allerdings stellt das Zusammenführen der Fahrzeuge in der wesentlich größeren Bundesrepublik einen anderen Kostenfaktor dar als in der kleinen Schweiz. In Thun gibt es am 20. April 2005 wieder ab 5 Uhr Frühstück.
Ich glaube an den Unimog. Andere Automobile sind eine vorübergehende Erscheinung.
Frei nach Kaiser Wilhelm dem II. (1859-1941)
Frei nach Kaiser Wilhelm dem II. (1859-1941)


