- 03.11.2005, 11:37
#84498
Moin,
um noch etwas unvernünftiges Öl ins Feuer zu gießen:

Basis ist ein 435.115. Felgen sind Sonderanfertigung, die Reifen sind normalerweise auf einem französischen Radpanzer montiert.
Unsinn? Möglicherweise, aber Unsinn der sich lt. Hersteller von Island bis Kuwait ganz gut verkauft...
Der gesunde Menschenverstand sagt einem doch, dass ein Fahrzeughersteller ein Fahrzeug so auslegen wird, dass es den vom Kunden geforderten Einsatzzweck in einer üblichen Nutzungsdauer erfüllen kann. Ein 30-Tonnen-4-Achs-Kipper sollte also 5 bis 10 Jahre im täglichen Einsatz durchstehen, dabei dürften an die 50 - 100.000km pro Jahr anfallen. Also kann ich doch mal annehmen, dass die Radaufhängung so ausgelegt ist, dass sie bei 30 Tonnen Gesamtmasse 250.000 - 1Mio. km funktioniert.
Ähnlich dürfte es bei einem Unimog-Fahrgestell sein. Die 435.115er haben ab Werk eine zulässige Achslast von 4t pro Achse, macht eine zulässige Gesamtmasse von 8t. Mit den ab Werk erlaubten Reifengrößen sollte auch ein (gewarteter) Unimog mit 8t im täglichen Betrieb eine definierte Mindestlebensdauer haben.
Da ich von Beruf Elektroniker und nicht Fahrzeugbauer bin, will ich einen Begriff einführen, mit dem ich in der Halbleiterherstellung täglich zu tun habe: "derating" was aus dem Englischen kommt und ungefähr "Leistungsherabsetzung" bedeutet. Bei Elektronikbauteilen gibt es immer einen zulässigen Betriebsbereich: max. Betriebsspannung und max. Betriebstemperatur, dafür kann ein Hersteller dann eine Mindestlebensdauer angeben. Wird so ein Bauteil nun ausserhalb der zulässigen Spannung und/oder Temperatur betrieben, verändert sich die zu erwartenden Lebensdauer. Bei Elektronikbauteilen lässt sich das sogar ziemlich genau berechnen: wenn der Chip bei 5V und 27°C garantiert 10.000h lang funktioniert, dann wird er bei 6V und 27° maximal noch 7.000h funktionieren oder bei 8V und 95° vielleicht nur noch 120h lang.
Wozu erzähl ich das alles? Weil man das - mit Einschränkungen - auch auf mechanische Komponenten, zum Beispiel Räder und Radaufhängungen, übertragen kann. Vereinfacht dargestellt, könnte man sagen:
Eine Radaufhängung, die bei 12,5R20-Bereifung und 8t Gesamtmasse 250.000km hält, wird mit 14,00x20-Bereifung und 8t Masse unter gleichen Fahrbedingungen 250.000 - x km halten. Wie groß dieses "x" anzusetzen ist - da sind nun die Maschinenbauer unter uns gefragt. Einfach mal angenommen, die Radaufhängung macht das nur 100.000km mit.
Für einen nicht-gewerblich, rein privat genutzten Unimog könnte das bedeuten, dass der Besitzer nie Probleme bekommt, weil er gar keine 100.000km Fahrleistung zusammenbringt. Ich fahre meinen 1300L seit knapp fünf Jahren, der km-Stand hat sich in der Zeit von 14.000 auf 37.000km erhöht, macht 23.000km oder 4600km pro Jahr. Wenn die Radlager bei 100.000km die Grätsche machen würden, müsste ich also noch knapp 17 Jahre so weiterfahren (vorausgesetzt, ich hätte die 14,00er Reifen drauf).
Abschließend noch mein bisheriger Eindruck, warum Antriebsbauteile kaputt gehen:
- Sprünge im Gelände
- falsche Fahrweise auf harten Rüttelpisten (Bauteile mit Spiel bekommen dadurch noch mehr Spiel)
- schlechte Wartung (Schmierung, trockene Gelenke, Kugelköpfe)
- Wasser, Dreck und Rost in Lagerbauteilen
- in der Luft frei drehende Räder schlagen auf den Boden auf und werden abrupt abgebremst (= erzeugt riesige Scherkräfte an den Wellen)
- unüberlegter Sperreneinsatz (sich mit "Gewalt" freigraben - hat nur ein Rad volle Traktion, dann bekommt es auch fast das komplette Drehmoment des Antriebstrangs ab).
- allgemein ruckartiger Kräfteverlauf an drehenden Teilen: "freischleppen" feststeckender Fahrzeuge durch los"rucken" per Bergegurt, auskuppeln bei Bergabfahrt und wieder einkuppeln, Sperrenaktivierung unter Last (besser Fuß vom Gas nehmen)
Sicher ist es richtig, dass ein schweres 14,00er-Rad an der Radaufhängung mehr "rüttelt", als ein 14,5R20 oder gar 12,5R20 - aber der die Belastung von "oben" auf die Radaufhängung, sprich insgesamt (zu) hohe Fahrzeugmasse dürfte wesentlich mehr Einfluß auf den Verschleiß des Fahrwerks haben.
Dazu kommt, dass größere Räder bei gleicher Fahrgeschwindigkeit zu einer niedrigeren Drehzahl des gesamten Antriebsstranges führen, was die Kräfte der rotierenden Massen wieder reduziert. Das wäre noch ein Punkt, den ein Maschinenbauer mal durchrechnen könnte:
Tempo 80km/h mit 12,5R20-Rädern:
Raddrehzahl [f(Radumfang, Fahrgeschwindigkeit)] -> Kräfte an der Radnabe bei angenommener Radmasse von 80kg [f(Winkelgeschwindigkeit, Masse)]
Tempo 80km/h mit 14,00x20-Rädern
Raddrehzahl -> Kräfte an der Radnabe bei angenommener Radmasse von 170kg(?)
Ich bin für eine undogmatische und sachliche Diskussion dieser Dinge, mir mißfällt der jedesmal aufkommenden Grabenkampf zwischen denen, die vielleicht manchmal etwas naiv "Tuning"-Ideen vorschlagen und den Gralshütern der technischen Vernunft
Grüsse
Tom
um noch etwas unvernünftiges Öl ins Feuer zu gießen:
Basis ist ein 435.115. Felgen sind Sonderanfertigung, die Reifen sind normalerweise auf einem französischen Radpanzer montiert.
Unsinn? Möglicherweise, aber Unsinn der sich lt. Hersteller von Island bis Kuwait ganz gut verkauft...
Der gesunde Menschenverstand sagt einem doch, dass ein Fahrzeughersteller ein Fahrzeug so auslegen wird, dass es den vom Kunden geforderten Einsatzzweck in einer üblichen Nutzungsdauer erfüllen kann. Ein 30-Tonnen-4-Achs-Kipper sollte also 5 bis 10 Jahre im täglichen Einsatz durchstehen, dabei dürften an die 50 - 100.000km pro Jahr anfallen. Also kann ich doch mal annehmen, dass die Radaufhängung so ausgelegt ist, dass sie bei 30 Tonnen Gesamtmasse 250.000 - 1Mio. km funktioniert.
Ähnlich dürfte es bei einem Unimog-Fahrgestell sein. Die 435.115er haben ab Werk eine zulässige Achslast von 4t pro Achse, macht eine zulässige Gesamtmasse von 8t. Mit den ab Werk erlaubten Reifengrößen sollte auch ein (gewarteter) Unimog mit 8t im täglichen Betrieb eine definierte Mindestlebensdauer haben.
Da ich von Beruf Elektroniker und nicht Fahrzeugbauer bin, will ich einen Begriff einführen, mit dem ich in der Halbleiterherstellung täglich zu tun habe: "derating" was aus dem Englischen kommt und ungefähr "Leistungsherabsetzung" bedeutet. Bei Elektronikbauteilen gibt es immer einen zulässigen Betriebsbereich: max. Betriebsspannung und max. Betriebstemperatur, dafür kann ein Hersteller dann eine Mindestlebensdauer angeben. Wird so ein Bauteil nun ausserhalb der zulässigen Spannung und/oder Temperatur betrieben, verändert sich die zu erwartenden Lebensdauer. Bei Elektronikbauteilen lässt sich das sogar ziemlich genau berechnen: wenn der Chip bei 5V und 27°C garantiert 10.000h lang funktioniert, dann wird er bei 6V und 27° maximal noch 7.000h funktionieren oder bei 8V und 95° vielleicht nur noch 120h lang.
Wozu erzähl ich das alles? Weil man das - mit Einschränkungen - auch auf mechanische Komponenten, zum Beispiel Räder und Radaufhängungen, übertragen kann. Vereinfacht dargestellt, könnte man sagen:
Eine Radaufhängung, die bei 12,5R20-Bereifung und 8t Gesamtmasse 250.000km hält, wird mit 14,00x20-Bereifung und 8t Masse unter gleichen Fahrbedingungen 250.000 - x km halten. Wie groß dieses "x" anzusetzen ist - da sind nun die Maschinenbauer unter uns gefragt. Einfach mal angenommen, die Radaufhängung macht das nur 100.000km mit.
Für einen nicht-gewerblich, rein privat genutzten Unimog könnte das bedeuten, dass der Besitzer nie Probleme bekommt, weil er gar keine 100.000km Fahrleistung zusammenbringt. Ich fahre meinen 1300L seit knapp fünf Jahren, der km-Stand hat sich in der Zeit von 14.000 auf 37.000km erhöht, macht 23.000km oder 4600km pro Jahr. Wenn die Radlager bei 100.000km die Grätsche machen würden, müsste ich also noch knapp 17 Jahre so weiterfahren (vorausgesetzt, ich hätte die 14,00er Reifen drauf).
Abschließend noch mein bisheriger Eindruck, warum Antriebsbauteile kaputt gehen:
- Sprünge im Gelände
- falsche Fahrweise auf harten Rüttelpisten (Bauteile mit Spiel bekommen dadurch noch mehr Spiel)
- schlechte Wartung (Schmierung, trockene Gelenke, Kugelköpfe)
- Wasser, Dreck und Rost in Lagerbauteilen
- in der Luft frei drehende Räder schlagen auf den Boden auf und werden abrupt abgebremst (= erzeugt riesige Scherkräfte an den Wellen)
- unüberlegter Sperreneinsatz (sich mit "Gewalt" freigraben - hat nur ein Rad volle Traktion, dann bekommt es auch fast das komplette Drehmoment des Antriebstrangs ab).
- allgemein ruckartiger Kräfteverlauf an drehenden Teilen: "freischleppen" feststeckender Fahrzeuge durch los"rucken" per Bergegurt, auskuppeln bei Bergabfahrt und wieder einkuppeln, Sperrenaktivierung unter Last (besser Fuß vom Gas nehmen)
Sicher ist es richtig, dass ein schweres 14,00er-Rad an der Radaufhängung mehr "rüttelt", als ein 14,5R20 oder gar 12,5R20 - aber der die Belastung von "oben" auf die Radaufhängung, sprich insgesamt (zu) hohe Fahrzeugmasse dürfte wesentlich mehr Einfluß auf den Verschleiß des Fahrwerks haben.
Dazu kommt, dass größere Räder bei gleicher Fahrgeschwindigkeit zu einer niedrigeren Drehzahl des gesamten Antriebsstranges führen, was die Kräfte der rotierenden Massen wieder reduziert. Das wäre noch ein Punkt, den ein Maschinenbauer mal durchrechnen könnte:
Tempo 80km/h mit 12,5R20-Rädern:
Raddrehzahl [f(Radumfang, Fahrgeschwindigkeit)] -> Kräfte an der Radnabe bei angenommener Radmasse von 80kg [f(Winkelgeschwindigkeit, Masse)]
Tempo 80km/h mit 14,00x20-Rädern
Raddrehzahl -> Kräfte an der Radnabe bei angenommener Radmasse von 170kg(?)
Ich bin für eine undogmatische und sachliche Diskussion dieser Dinge, mir mißfällt der jedesmal aufkommenden Grabenkampf zwischen denen, die vielleicht manchmal etwas naiv "Tuning"-Ideen vorschlagen und den Gralshütern der technischen Vernunft
Grüsse
Tom



