Etwas zum Schmunzeln

Gerhard Hinrichs, langjähriger Werkstattleiter der früheren Unimog-Generalvertretung Hans-Henning Endres in Berlin, sowie Christoph Lehmann und Hans-Rüdiger Endres verdanken wir interessante Geschichten aus den ersten Unimog-Jahren. Der Cartoonist Dirk Meissner hat sie illustriert. 

 

Wir freuen uns, dass Hans-Rüdiger Endres uns diese Reihe für eine monatliche Veröffentlichung im Newsletter zur Verfügung gestellt hat.

27. bis 31. Dezember 1953

 

Lehrstunde für einen Volkspolizisten

 

Besonders aufreibend wurde die Überführung eines Anhängers, dessen Geradeauslauf bemängelt wurde. Er musste von Berlin zurück nach Wuppertal, zum Hersteller Blumhardt, gebracht werden. Dieses Manko sollte direkt im Werk korrigiert werden. Darauf hatte Hans-Henning Endres, der Chef der Unimog-Generalvertretung in Berlin, bestanden.

Es kam alles zusammen, was diese Fahrt zu einem unvergesslichen Erlebnis

machen sollte: tiefster Winter, der Unimog mit seinen 25 PS, dazu der gewaltige Dreiachsanhänger, den Hinrichs schon im Leerzustand auf circa sechs bis acht Tonnen schätzte. Das ergibt ein Leistungsgewicht, mit dem heute nicht einmal ein Schwertransport auf die Straße kommen würde.

Zunächst die Rahmenbedingungen: geschlossenes Fahrerhaus – ein Glücksfall, denn darin war es wenigstens etwas wärmer als in den bisherigen Klappverdeckmaschinen. Der Straßenzustand mit Eis und Schnee verschärfte die Lage zusätzlich, und der junge Hinrichs verfügte noch über keinerlei „Langstreckenerfahrung“. Eine weitere Belastung war mangels Routine der Umgang mit dem Papierkram an der Interzonengrenze. Ein grundsätzliches Problem war, dass Hinrichs zu diesem Zeitpunkt noch nicht den „2er“-Führerschein für Lastkraftwagen besaß. Er hatte schlicht und einfach bis dahin keine Zeit gehabt, ihn zu machen.

Hinrichs wollte unter diesen Umständen die Überführung nicht antreten. Daraufhin ließ Hans-Henning Endres ein Schriftstück aufsetzen, welches im Ernstfall dem Polizisten oder Grenzbeamten der DDR die Umstände erklären sollte. Zum Glück kam er nicht in diese Verlegenheit, sonst hätte die Sache wohl mit einen Festsetzen von Mann und Lastzug in der DDR geendet.

Die Hinfahrt dauerte fast zwei Tage! Natürlich nicht unter Einhaltung der heutigen Lenk- und Ruhezeiten. „Ankommen“ lautete die oberste Devise. Schließlich war es kurz vor Silvester, und Hinrichs wollte vor Jahreswechsel wieder zurück in Berlin sein. Auf der Autobahn herrschte zeitweise Chaos. Es wurde kreuz und quer geparkt, die Glätte zwang zu Ausweich- und Überholmanövern, die heutzutage ausführlich in einem ARD- Brennpunkt gezeigt werden würden.

In Wuppertal angekommen, wurde der Anhänger im Werk abgegeben. Allerdings war er am nächsten Tag nicht wie zugesagt fertig. Die Zeit drängte also, weil man – wie gesagt – Silvester zu Hause sein wollte.

 

Auf der Rückfahrt, nachts bei Dunkelheit und Schnee, auf Höhe des Teutoburger Waldes, lief eigentlich alles ganz gut, bis Hinrichs in einer langen Gefällstrecke den Gang herausnahm – damals eine bei Berufskraftfahrern übliche Methode, um Zeit und Sprit zu sparen. In Anbetracht der Leistungsfähigkeit damaliger Bremssysteme aber umso haarsträubender, zumal bei Schneeglätte!

Der mächtige Anhänger trieb den kleinen Unimog vor sich her, sodass sich Hinrichs nicht mehr zu bremsen traute. Das ausgekuppelte Getriebe heulte, wie nie zuvor gehört. Wo die Tachonadel stand? Danach zu sehen war nicht die geringste Zeit, obwohl es höchst interessant gewesen wäre, diesen Rekordwert zu notieren. Die Angst saß Hinrichs im Nacken, denn sehr wahrscheinlich hätte ein Bremsmanöver böse geendet, und der kleine grüne Frosch samt Anhänger und Fahrer wären womöglich in den ewigen Jagdgründen neben der Autobahn gelandet. Also ließ er das Gespann ausrollen. Klar, dass jetzt erst eine Zigarette fällig war.

Nach dieser Aktion ging es hellwach weiter in die Nacht hinein. Nach rutschiger Fahrt schließlich am Kontrollpunkt Helmstedt angekommen, stellte er das Gespann aus Platzmangel im Halteverbot ab, was prompt einen brüllenden Grenzer auf der Bildfläche erscheinen ließ: „Wo parken Sie denn, das wird teuer“, schnauzte er. Vor Hinrichs innerem Auge lief das volle Behördenprogramm wegen des nicht vorhandenen Führerscheins 2 ab. Doch es kam anders – warum auch immer. Sage und schreibe eine DM wurde für diesen Strafzettel zu Hinrichs Erleichterung fällig. Die gefürchtete Frage nach den Papieren wurde nicht gestellt, wer sollte auch vermuten, dass jemand ein solches Gespann ohne entsprechenden Führerschein fährt.

Mittlerweile war es der 31. Dezember, aber trotz Zeitdruck musste eine Schlafpause eingelegt werden. Die anstrengende Fahrt und der monotone Rhythmus aufgrund der Fahrbahnfugen auf der Transitstrecke forderten ihren Tribut. Hinrichs machte es sich im engen Fahrerhaus „bequem“. Nicht wirklich, wenn man weiß, wie wenig Platz in der Kabine des Froschauges war.

Auf dem Wald von Schalthebeln wurde ein Sack ausgebreitet, um den „Liegekomfort“ zu erhöhen. Die Beinfreiheit wurde durch Herunterkurbeln der Seitenscheibe erreicht. Weckerstellen war nicht nötig, denn die zum Seitenfenster herausgestreckten Füße wurden schnell kalt, sodass es nicht zum gewünschten Erholungsschlaf kam.

Auf der Transitstrecke überholte dann mehrfach ein Vopo (Volkspolizist der DDR) auf einem Motorrad. Nach dem dritten Überholmanöver kam die gefürchtete Kelle. Hinrichs Standardfrage „Bin ich zu schnell gefahren?“ war technisch bedingt ohne Gefällstrecke selten mit „Ja“ zu beantworten. Immerhin trug Hinrichs zu diesem Anlass wie üblich den grauen Kittel mit Mercedes-Stern, was ein gewisses Gegengewicht zur Uniform des Beamten darstellte.

Dessen Besorgnis galt dem Unimog mit dem Anhänger. So ein kleines Auto kann doch nicht einen so großen Anhänger ziehen! Das war die Steilvorlage für einen Technikvortrag von Hinrichs. Der interessierte Vopo wurde immer neugieriger bei der Demonstration der Bremsanlage und dem gewährten Blick unter die Motorhaube. Zum Glück waren die Winker schon auf Verlängerungsstäben montiert, sodass sie zur Breite des Anhängers passten. Damit gab es keine begründete Kritik an dem Lastzug. Als der Vopo, wahrscheinlich als einer der ersten Bürger der DDR, bestens über den Unimog informiert war, wünschte er eine schöne Weiterfahrt und einen guten Rutsch ins neue Jahr.

Endlich stand der Beendigung der ereignisreichen Überführung nichts mehr im Wege, und Hinrichs kam nach fünf Tagen und vier Nächten noch pünktlich zur Silvesterfeier zu Hause an. Den Jahreswechsel verschlief er allerdings.

Im neuen Jahr sprach Hinrichs seinen Chef zum Thema Führerschein an: „Ich fahre nie wieder ohne Führerschein der Klasse 2!“ – was aber doch noch einmal passierten sollte.

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